Der Mythos von Mustafa Shokay

Mustafa Shokay, eine historische Figur, ist immer noch Gegenstand vieler Kontroversen. In Kasachstan, seinem Herkunftsland, werden Straßen nach ihm benannt und Denkmäler errichtet. In den ehemaligen Sowjetländern wird er traditionell als faschistischer Kollaborateur gebrandmarkt. In dieser Diskussion gibt es keine Gleichgültigen; es gibt entweder Befürworter oder Gegner. Das ist schon ein Grund für das Interesse an der unkonventionellen, untypischen und vielschichtigen Persönlichkeit von Shokay.

Leider interessieren sich heute nur noch wenige Menschen für die historische Biografie von Mustafa Shokay vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Politiker, Journalist, Antisowjetiker, Emigrant, Verfechter des Lebens seines Volkes... Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, doch leider ohne Erfolg. Jetzt ist die Gesellschaft (und nicht nur die turkstämmige) vor allem daran interessiert, ob und wie produktiv Shokay mit Hitler-Deutschland zusammengearbeitet hat. War er ein Anstifter (oder ein "Kollaborateur", wie man heute zu sagen pflegt), oder nicht.

GEDACHT, ABER NICHT GETAN

Zunächst sollten wir uns vielleicht mit dem Begriff "Kollaborateur" befassen. In der juristischen Auslegung des Völkerrechts bedeutet dieser Begriff die bewusste und freiwillige Zusammenarbeit mit dem Feind in dessen Interesse und zum Nachteil des eigenen Staates. Hier beginnen die Schwierigkeiten.

Wenn wir die Chronologie der Ereignisse verfolgen, ergibt sich ein sehr gemischtes Bild. Am 22. Juni 1941, dem Tag des Angriffs auf die Sowjetunion, führten die Nazis in Paris eine Operation durch, um prominente Persönlichkeiten der Emigration festzunehmen, darunter auch den französischen Staatsbürger Mustafa Shokay. Sie werden in ein Schloss in Compiègne gebracht, wo sie unter recht milden Bedingungen festgehalten werden - Deutschland sieht sie als potenzielle Verbündete. Über seinen Aufenthalt dort äußert sich Shokay recht positiv. "Ich habe einige sehr interessante Menschen getroffen, sowohl Russen als auch Ausländer... - schrieb er in einem Brief an seine Frau Maria. - Ich fühlte mich dort seelisch verjüngt, erinnerte mich an die Studentenjahre, an Vorträge und Treffen in St. Petersburg. In Compiègne wurden unter freiem Himmel wunderbare Vorträge, politische Debatten organisiert…"

Trotz aller Begeisterung weigerte sich Mustafa Shokay, im Radio eine Propagandaansprache zu halten. "Solange ich meine gefangenen Landsleute nicht sehe, werde ich nicht agitieren", schrieb er in demselben Brief an seine Frau.

Die Illusionen verflüchtigten sich jedoch schnell. Im Gegensatz zu anderen nationalistischen Führern erkannte Shokay sehr schnell, dass es in Hitlerdeutschland nicht um Befreiung ging. Seine relativ loyalen Angebote zur Ausbildung des turkischen Militärs wurden von Deutschland ignoriert. Stattdessen wurde Mustafa Shokay in eine Sonderkommission aufgenommen und besuchte persönlich die Kriegsgefangenenlager für Rotarmee-Soldaten. Was er sah, schockierte ihn. Die Haftbedingungen und vor allem die Behandlung von Turk- und anderen Völkern (ohne Ermäßigungen!) waren so, als wären sie arische Sklaven.

Es folgte ein persönlicher Brief an seinen Freund und Stammesgenossen Vali Kayumkhan, mit dem die Anhänger der UdSSR bzw. die Gegner Shokais gerne ihren Standpunkt vertreten. "Ja, wir haben keinen anderen Weg als den antibolschewistischen Weg, außer dem Wunsch nach dem Sieg über Sowjetrussland und den Bolschewismus. Dieser Weg wird, ungeachtet unseres Willens, von Deutschland aus geebnet. Und er ist übersät mit den Leichen der in Debica Erschossenen. Schwer, lieber Vali, ist unsere Aufgabe. Aber wir müssen unsere Aufgabe trotzdem fortsetzen, ohne umzukehren". Niemand berücksichtigt den Zustand, in dem dieser Brief geschrieben wurde. Brief eines Zivilisten, der Hitlers Vernichtungsmaschinerie gegenübersteht und die Erschießungen und ihre Ergebnisse gesehen hat. Auf der einen Seite der Waage stand das reale Leben junger asiatischer Jungen, auf der anderen Seite der abstrakte Staat, in dem Shokay seit 20 Jahren nicht mehr gewesen war.

Trotz alledem wählte Mustafa Shokay den Weg des klassischen Intellektuellen. Er hatte nicht die Kraft, dem Hitlerismus zu widerstehen. Er hat sich einfach geweigert, an diesem System teilzunehmen, was er mit seinem Leben bezahlt hat. "Ich kann das Angebot ..., die Turkestanische Legion zu leiten, nicht annehmen und lehne eine weitere Zusammenarbeit ab. Ich bin mir der Konsequenzen meiner Entscheidung bewusst". Auch das ist ein Zitat.

Wie es endete, ist nun bekannt. An dem Tag, an dem die Gründung der Turkestanischen Legion theoretisch verkündet wurde, wurde Mustafa Shokay ins Krankenhaus ge

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Aufgenommen am: 23.09.2021 18:00:43
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